So unendlich schön sind Oncidium-Orchideen

| Autor: Verena | Kategorie: Frühling  Sommer  Herbst  Winter 

„Unendliche Weiten“ so heißt in diesem Jahr das Motto der traditionellen Orchideenschau bei uns auf der Insel Mainau. Aus über 3.000 Orchideen haben die Gärtnerinnen und Gärtner der Blumeninsel eine himmlisch schöne Szenerie geschaffen, die an ferne Galaxien erinnert. Komplettiert wird dieses Universum von Gestirnen, einem schwarzen Loch und sogar einer Rakete. Mit Stefan Reisch, unserem Orchideen-Experten, haben wir über die edlen Schmuckstücke im Allgemeinen und die Gattung Oncidium im Speziellen gesprochen. Seit über 20 Jahren arbeitet er auf der Mainau; Orchideen sind seine Leidenschaft und die Bedürfnisse der größten Pflanzenfamilie der Welt kennt er wie seine Westentasche.

Mainau-Orchideenexperte Stefan Reisch in der Orchideenschau „Unendliche Weiten"

Ausdrucksstark und farbenprächtig – so präsentiert ihr die unendliche Vielfalt der Orchideen. Was ist in diesem Jahr die Herausforderung?

Einzigartig sind in diesem Jahr die sechs Kugelkonstruktionen, die optisch an Himmelskörper wie die Sonne oder den Mond erinnern sollen. Die größte Kugel hat einen Durchmesser von 2,20 Meter. Hier haben wir über 200 Orchideen gepflanzt, die in einer Höhe von über 5 Metern über den Köpfen unserer Gäste schwebt. Mithilfe einer besonderen Flaschenzug-Anlage haben wir die Möglichkeit die Orchideen in den Morgenstunden zu bewässern und verblühte Pflanzen auszutauschen.

Oncidium – der Name klingt schon außergewöhnlich. Was ist das Besondere an dieser Gattung und welchen Reiz übt sie auf Orchideen-LiebhaberInnen aus?

Optisch fallen Oncidium-Orchideen durch ihre ausgeprägte Blütenlippe auf, die ein bisschen an rockschwingende Tänzerinnen erinnert. Weltweit gibt es über 700 Arten, die vorwiegend im südlichen Amerika beheimatet sind. Dort wachsen sie epiphytisch auf Bäumen und in Felsspalten als Aufsitzerpflanzen. Genauso umfangreich präsentiert sich auch das Farbspektrum von Oncidiumarten und -sorten. Angefangen bei Weiß (Oncidium alexandrae  (Odontoglossum crispum)), Gelb (Oncidium sphacelatum), Violett (Oncidium ‘Intermezzo’) Rosa (Oncidium sotoanum) oder Rot (Oncidium Heaven Scent `Redolence`) scheint die Bandbreite an Farbkombinationen beinahe unendlich. Genauso unendlich ist ihre Hybridfreudigkeit. Das bedeutet, viele Arten lassen sich gut untereinander kreuzen und deshalb entstehen auch immer wieder neue, erstaunliche und farbenfrohe Züchtungen.

Wegen ihrer sternförmigen Blüten eignet sich die Gattung Oncidium (hier: Oncidium ‚Suzy‘) besonders gut, um für das Mainau-Jahresmotto „Sonne, Mond und Sterne“ in der Orchideenschau die passenden Akzente zu setzen.

Phalaenopsis-Orchideen gelten als die Anfängerorchideen schlechthin, so schnell sind sie nicht kaputt zu bekommen. Wie steht es um Oncidium-Orchideen?

Am besten lässt sich Oncidium als „durchschnittlich“ beschreiben *lacht* Das soll auf keinen Fall abwertend klingen, aber Oncidium-Orchideen mögen von allem ein gewisses Mittelmaß: Nicht zu viel Licht, aber auch nicht zu wenig, deshalb sollte es ein heller Standort ohne direkte Sonneneinstrahlung sein. Nicht zu kalt, nicht zu warm: Temperaturen zwischen 15 und 20 Grad Celsius sind empfehlenswert. Bekommt Oncidium zu wenig Licht, wirft sie beispielsweise ihre Blüten ab, zu hohe Sonneneinstrahlung führt zu einer roten Färbung der Blätter. Und was das Gießen angeht, hier lautet die Prämisse ebenfalls nicht zu viel, aber auch nicht zu wenig. Staunässe führt unweigerlich zu Fäulnis, Restwasser sollte deshalb immer abgegossen werden. Etwa einmal in der Woche in kalkarmes Wasser tauchen, dann ist es für Oncidium-Orchideen perfekt. 

Der Duft von Oncidium Heaven Scent 'Redolence' ist ein entzückendes, fast zitroniges Parfüm, das die Morgenluft durchdringt.

Wie oft und wie lange blüht Oncidium?

Wenn Oncidium blüht, dann gibt es nicht nur eine Blüte wie zum Beispiel beim Frauenschuh (Paphiopedilum), sondern unzählige Blüten an einer Rispe – ein wahrer Blütentraum. Sind die Blüten dann verblüht, kann die Rispe komplett bis zum Ansatz abgeschnitten werden. Dann beginnt die Ruhezeit der Oncidium und erst ca. 8 Monate später entwickelt sich ein neuer Trieb. In dieser Phase kann Oncidium etwas trockener gehalten werden. Oncidium-Hybriden benötigen eine solche Ruhezeit kaum noch.

Oncidium sotoanum (früher: Oncidium ornithorhynchum) stammt ursprünglich aus dem nördlichen Zentralamerika. Besonders auffällig ist der Farbkontrast zwischen der pinken Blütenfarbe und der gelben Blütenlippe.

Oncidium-Orchideen wachsen in der freien Natur auf Bäumen. Wie die Phalaenopsis sind sie epiphytisch und nehmen Nährstoffe über ihre Luftwurzeln auf. Wie zwingend notwendig ist ein luftdurchlässiges und nährstoffreiches Substrat für die Haltung auf der heimischen Fensterbank?

Da viele Oncidiumarten und –sorten sehr feine Wurzeln haben, sollten sie in ein nicht zu grobes Substrat aus Pinienrinde gepflanzt werden. In der Regel kann zumindest für Kreuzungen handelsübliches Orchideensubstrat verwendet werden. Da sie epiphytisch wachsen, können die meisten auch aufgebunden, z.B. auf Rinde kultiviert werden, dies bedeutet jedoch ein Mehraufwand, da die Pflanzen dann täglich besprüht werden müssen.

Vielen Dank für das Interview!

Früher: Odontoglossum crispum / Heute: Oncidium alexandrae


Fortsetzung folgt! Durch den Einsatz der DNA-Analyse bei Pflanzenuntersuchungen wurden und werden ständig Gattungen zu Oncidium hinzugefügt bzw. herausgenommen und zu anderen Gattungen überführt. Gravierend war die Auflösung der Gattung Odontoglossum (100 bis 300 Arten), die nun zu Oncidium dazugezählt werden. Vermutlich wird diese Einteilung in den kommenden Jahren noch weiter für Diskussionen sorgen.

Tipp der Blog-Redaktion
Wer mehr über die diesjährige Orchideenschau und den Gattungsschwerpunkt Oncidium erfahren möchte, ist herzlich zu unseren offenen Führungen am 11. April 2019 und 25. April 2019 eingeladen.

Schlagwörter: Orchideen, Oncidium, Odontoglossum, Orchideenschau, Pflegetipps

Oncidium sphacelatum ist blühstark und produziert dutzende hellgelbe Blüten an einem Trieb.

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