Wenn alte Sorten wieder wachsen und begeistern

| Autor: Verena | Kategorie: Frühling  Sommer  Herbst  Winter 

Dass Tiere vom Aussterben bedroht sind, davon haben wir alle schon einmal etwas gehört. Aber wussten Sie auch, dass es über 1.800 Nutzpflanzen in Deutschland gibt, die vom Aussterben bedroht sind? Jährlich aktualisiert die Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung diese sogenannte Rote Liste der einheimischen gefährdeten Nutzpflanzen. Doch warum ist der Erhalt von Saatgut alter Gemüse- und Obstsorten so bedeutsam? Wir beantworten diese wichtige Frage für die Artenvielfalt und stellen Ihnen das Projekt „Genbänkle“ aus Baden-Württemberg vor.

Wo sind all die alten Sorten hin?
Früher war alles anders und besser ˗ bezogen auf alte Sorten ist das eine durchaus korrekte Aussage. Denn bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts gab es eine ungeheure, lokale sowie samenfeste Saatgutvielfalt bei uns in Deutschland. Saatgut wurde zwischen Bauern und Gärtnern untereinander getauscht. Dies änderte sich mit der Einführung des sogenannten Saatgutgesetzes, das dazu verpflichtete, Sorten zu registrieren. Für viele waren dieser bürokratische Prozess allerdings zu umständlich und die Zulassungskosten zu hoch. Des Weiteren führten verändertes Konsumverhalten und ertragreiche Massenproduktion im Zuge der Industrialisierung dazu, dass nur noch solche Sorten gefragt waren, die schnell wachsen, gleich große Früchte hervorbringen, lange haltbar und resistent gegen Schädlinge sind. Immer mehr Menschen zogen in die Städte, immer weniger bauten ihr Gemüse im eigenen Garten an und vermehrten dieses selbst, so wie es früher traditionell üblich war. Zu dieser Zeit hatten die großen Saatgutkonzerne ihren genauso großen Auftritt: Deren Saatprodukte verdrängten regionales Saatgut. Man war und ist gezwungenermaßen dazu verpflichtet, jedes Jahr immer wieder neue Samen zu kaufen. Denn es handelt sich meist um (F1-)Hybrid-Saatgut, das sich nicht im Hausgarten vermehren lässt.

Gestreifter Gemüseschatz: Die Ringelbete 'Chiogga' ist die rot-weiß gestreifte Verwandtschaft der Roten Bete. Bildnachweis: Patrick Kaiser, genbänkle.de

Warum sind alte Gemüse- und Obstsorten so wichtig?
Alte Nutzpflanzen sind Teil unserer Kulturgeschichte, sie sind Inbegriff unserer Heimat und traditioneller Mahlzeiten. Jahrhundertelang wurden diese angepflanzt, gezüchtet und gepflegt. Sie sind wertvolle Genträger unserer Ernährung, die an regionale klimatische Verhältnisse angepasst waren oder sind. Vielerorts wurden und werden sie nur noch für den eigenen Hausgebrauch angebaut. Doch Vielfalt ist wichtig! Nicht jede Tomate, nicht jeder Salat, jede Rübe oder Bohne schmecken gleich, sie können, sollen und dürfen auch scharf, milder, süßer oder bitter schmecken und sich in Nuancen gerne auch unterscheiden, eben vielfältig sein. Einheitsgeschmack wie aus dem Supermarkt? Nein, danke. Denn Karotten dürfen auch lila sein, Tomaten grün oder schwarz und Bohnen auch gestreift oder gepunktet sein.

Vielfalt bewahren: Auf sogenannten Saatgutfestivals haben Interessierte die Möglichkeit, lokale Gemüsesorten zu erwerben. Bildnachweis: Patrick Kaiser, genbänkle.de

Wo sind alte Gemüse- und Obstsorten erhältlich?
Experten gehen davon aus, dass 70 bis 90% der früher bekannten Gemüsesorten bereits ausgestorben sind und ein riesiger Pool an Erbmaterial für immer verloren ist. Vereine und verschiedene (Erhaltungs-)Initiativen, wie zum Beispiel das 2016 in Baden-Württemberg gestartete Projekt „Genbänkle“, helfen dabei alte Sorten zu finden, diese zu katalogisieren, zu erhalten und auch Interessierten auf sogenannten Samenmärkten zugänglich zu machen, denen der „Reichtum“ regionaler, samenfester Saaten am Herzen liegt. Denn jede einzelne Sorte ist ursprünglich für einen bestimmten Standort mit seinen individuellen klimatischen Bedingungen und dem ganz eigenen Geschmack selektiert worden und das Wichtigste: Sie sind samenfest! Das bedeutet, dass man durch den Anbau dieser Sorten neue Samen erhält, die im darauffolgenden Jahr wieder die gleichen Pflanzen in der gleichen Qualität hervorbringen.

Die Schwabenbohne besitzt einen rosa Bohnenkörper, der schwarz gesprenkelt ist. Bildnachweis: Patrick Kaiser, genbänkle.de

Geduld zahlt sich aus - Back to the Roots
Natürlich ist die Suche nach alten Sorten sehr zeitintensiv, ja sogar manchmal vom Zufall gesteuert. Mit etwas Geduld und detektivischer Kleinstarbeit lässt sich jedoch die eine oder andere Nutzpflanze wieder aufspüren:

  • Hegnacher Pfefferminze: Mitte des 19. Jahrhunderts galt Hegnach bei Stuttgart als Zentrum der Arzneipflanzenproduktion. Der Duft der sogenannten Hegnacher Minze lag überall in der Luft. Der Anbau wurde irgendwann eingestellt und nur noch von wenigen Familien im Hausgarten angebaut.
  • Alblinsen: Auf der Schwäbischen Alb galt das Saatgut bereits als ausgestorben, doch in St. Petersburg wurde es in einer Samenbank wieder entdeckt. Das war 2006. Seitdem wird die Schwäbin wieder in ihrer Heimat, der Alb-Region, angebaut.
  • Hagnauer rote Bohne: Diese Bohnensorte wird nur in Hagnau am Bodensee angepflanzt und kann jedes Jahr beim traditionellen Museumsfeschtle probiert werden.
  • Bamberger Hörnla: Diese Kartoffelsorte aus Bamberg ist klein, knubbelig und nussig im Geschmack. Sie wurde sogar als „Kartoffel des Jahres 2008“ ausgezeichnet.
  • Teltower Rübe: Von dieser Speiserübe soll schon Goethe hin und weg gewesen sein. Lange Zeit vergessen, gibt es heutzutage verschiedene brandenburgische Initiativen, die die Rübe als Delikatesse zu nutzen wissen.
  • Schwabenbohne: Diese Bohne ist eine regionale Variation der Feuerbohne 'Hainsbohne', die 1635 nach Europa eingeführt wurde. In Ravensburg wird sie auf dem dortigen Weihnachtsmarkt mit Spätzle und Saiten (= Würstchen) serviert.
  • Remstalrettich: Sein Saatgut überlebte in der ehemaligen Tschechoslowakei, wurde dort wieder entdeckt und konnte 2017 wieder erfolgreich im Remstal angebaut werden. Dabei fand man heraus, dass der Remstalrettich identisch ist mit dem Straßburger Hospitalsrettich.
Gemüsesorten sind wesentlich dramatischer vom Aussterben bedroht als Obstsorten. Während Obstgehölze zwischen 30 und 50 Jahre alt werden und so durch Stecklinge vermehrt werden können, sind Gemüsepflanzen meist ein- bis zweijährig.

Außerdem muss es geblüht haben, bevor Samen entstehen können.

Werden Sie zum Sortendetektiv!
Sie oder Ihre Großeltern haben einen Garten mit alten Sorten? Dann werden Sie zum Sortendetektiv und helfen Sie dem Genbänkle dabei, einige der verschollenen Gemüsesorten oder deren Geschichten wiederzufinden! Wer weiß, vielleicht birgt Ihr Garten so manch historischen Schatz!

Weitere Informationen:
www.genbaenkle.de

Schlagwörter: Gemüse, Saatgut, Biodiversität

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